Kreativität und Loslassen
Manchmal entstehen die schönsten Dinge dann, wenn wir aufhören, alles kontrollieren zu wollen.
Eigentlich war es nur ein kreativer Nachmittag. Kein großes Projekt. Kein besonderer Anlass. Einfach ein paar Stunden Zeit, Farben, Leinwände und die Lust, etwas Neues auszuprobieren.
Fiona, eine meiner jüngsten Malschülerinnen, war dabei. Sie ist elf Jahre alt und liebt Farben. Vor allem Rosatöne. Das merkt man spätestens dann, wenn es darum geht, die Farbbecher für ein neues Bild anzurühren.
Während ich mich für Blau-, Grün- und Weißtöne entschied, war für Fiona schnell klar, wohin die Reise gehen würde. Rosa. Pink. Beerentöne. Alles, was fröhlich, lebendig und ein bisschen verspielt wirkt.
Jeder von uns hatte eine Leinwand vor sich. Die Idee war einfach: Wir wollten mit fließenden Farben arbeiten.
Farben, Wasser, Painting-Medium
Dafür mischten wir Acrylfarben mit Wasser und Acrylic Painting Medium* an. Zumindest in der Theorie klang das ganz einfach.
In der Praxis wollten die Farben zunächst überhaupt nicht mitspielen.
Sie waren zu dickflüssig.
Statt über die Leinwand zu fließen, blieben sie eher liegen. Die erhofften Farbverläufe blieben aus und das Ergebnis sah nicht annähernd so aus, wie wir es uns vorgestellt hatten.
Also wurde weitergemischt. Ein wenig mehr Wasser. Noch einmal umrühren. Noch ein Versuch.
Und dann geschah etwas, das ich beim kreativen Arbeiten besonders liebe.
Plötzlich funktionierte es. Die Farben begannen zu fließen. Langsam zunächst. Dann immer freier.
Sie liefen über die Leinwand, trafen aufeinander, vermischten sich, trennten sich wieder und hinterließen Spuren, die niemand geplant hatte.
Genau das faszinierte mich.
Man entscheidet zwar, welche Farben man verwendet und auch, wann man gießt, tupft oder die Leinwand bewegt. Aber was anschließend geschieht, lässt sich nur begrenzt beeinflussen.
Die Schwerkraft übernimmt einen Teil der Arbeit. Der Zufall übernimmt einen weiteren. Und irgendwo dazwischen entsteht etwas Neues.
Während ich beobachtete, wie die Farben ihren Weg fanden, dachte ich darüber nach, wie oft wir auch im Alltag versuchen, alles zu planen.
Was wir erwarten
Wir möchten wissen, wie etwas ausgeht, wünschen uns Sicherheit und wir möchten Ergebnisse.
Doch vieles von dem, was später wichtig wird, entsteht gerade in den Momenten, die nicht planbar sind.
Wer hätte gedacht, dass aus einer schwierigen Zeit in meinem Leben die Malerei entstehen würde?
Ich hatte auch nie geglaubt, dass aus einer kleinen Idee irgendwann ein Kinderbuch werden würde, oder dass ich einmal mit Senioren, Demenzpatienten und Menschen nach Schlaganfällen malen würde?
Zum Blog Farben gegen graue Tage, Kreativität im Alter, Auf den Spuren von Emma Huhn
Manchmal beginnt etwas Neues mit einem ganz einfachen Gedanken:
„Ich probiere das einfach mal.“
Genau so war es an diesem Nachmittag.
Was ich sehe in diesem Bild sehe
Je länger ich mein Bild betrachtete, desto mehr begann ich darin zu erkennen. Zunächst waren es nur Farben. Dann wurden daraus Formen.
Und irgendwann entstand vor meinem inneren Auge eine Landschaft. Ich sah hohes Gras. Eine Wiese. Verschiedene Blumen. Vielleicht einen kleinen Teich.
Alles wirkte ein wenig verschwommen, als würde ich durch ein regennasses Fenster schauen.
Kennst du diese besonderen Morgen nach einem Sommerregen?
Die Luft ist frisch. Die Farben draußen wirken intensiver. Die Welt scheint einen Moment lang stillzustehen. Noch ist nicht alles klar zu erkennen, aber irgendwie fühlt sich alles leicht an.
Genau dieses Gefühl verbinde ich heute mit dem Bild.
Es erinnert mich an einen neuen Tag.
An Möglichkeiten. An die leise Gewissheit, dass etwas Gutes vor einem liegt, auch wenn man noch nicht alles erkennen kann.
Ist abstrakte Kunst schön?
Ja, das Schöne an abstrakter Kunst für mich ist, dass jeder etwas anderes entdeckt. Das war nicht immer so. Vielleicht musste mein künstlerisches Auge erst wachsen 🙂
Als ich anderen Menschen das Bild zeigte, bekam ich ganz unterschiedliche Rückmeldungen.
Manche sahen Wasser. Andere sahen Schilf. Wieder andere entdeckten Dinge, die mir selbst noch gar nicht aufgefallen waren.
Es gibt kein richtig und kein falsch.
Jeder bringt seine eigenen Erinnerungen, Gedanken und Gefühle mit.
Vielleicht ist genau das einer der Gründe, warum mich abstrakte Kunst so fasziniert. Sie erzählt keine fertige Geschichte. Sie lädt dazu ein, die eigene Geschichte darin zu finden.
Während mein Bild langsam Gestalt annahm, arbeitete Fiona an ihrer Leinwand. Mit derselben Technik. Mit derselben Begeisterung. Aber mit völlig anderen Farben.
Ihr Bild leuchtete in Rosa, Pink und kräftigen Beerentönen.
Und obwohl wir nebeneinander saßen und auf dieselbe Weise arbeiteten, entstanden zwei völlig unterschiedliche Werke.
Das fand ich wunderschön. Denn genau so ist Kreativität.
Sie macht aus denselben Voraussetzungen etwas Einzigartiges.
Nicht jeder Mensch sieht dieselbe Welt. Nicht jeder Mensch erzählt dieselbe Geschichte. Und genau das macht das Leben bunt.
Natürlich hinterließen wir dabei nicht nur auf den Leinwänden Spuren
Unser Wohnzimmertisch war sorgfältig abgedeckt – Zum Glück!
Denn am Ende standen überall Farbbecher, Mischbehälter, Küchenpapier und Werkzeuge herum.
Die Schutzfolie hatte ihren Job wirklich verdient. Je kreativer wir wurden, desto bunter wurde auch unser Arbeitsplatz. Nur der Teppich blieb verschont.
Und ehrlich gesagt war das vermutlich das eigentliche Wunder des Tages.
Als wir schließlich fertig waren, trugen wir die Bilder vorsichtig nach draußen auf die Terrasse, damit sie trocknen konnten. Dort standen sie nun nebeneinander: Zwei Bilder, zwei Menschen, zwei völlig unterschiedliche Ergebnisse und beide erzählten ihre eigene Geschichte.
Als ich Fionas Bild betrachtete, sah ich plötzlich eine Skyline. Ich sehe Häuser, Lichter, eine Stadt am Horizont.
Sie selbst war sich noch nicht ganz sicher, ob ihr Bild schon fertig war. Vielleicht möchte sie zuhause noch einige Konturen ergänzen. Ich bin sehr gespannt, wie es am Ende aussehen wird.
Mein eigenes Bild hingegen fühlte sich plötzlich vollständig an.
Und damit komme ich zu einer Frage, die mir immer wieder gestellt wird.
Wann ist ein Bild eigentlich fertig?
Die ehrliche Antwort lautet: Ich weiß es nicht. Zumindest nicht im Voraus.
Es gibt keine Regel und keine Checkliste. Und erst recht keinen magischen Moment, den man planen kann.
Aber irgendwann spürt man es. Man betrachtet das Bild, geht ein paar Schritte zurück, schaut noch einmal und plötzlich weiß man: Jetzt ist es gut.
Vielleicht nicht ganz perfekt – aber fertig.
Das ist ein wichtiger Unterschied. Denn perfekt muss Kunst nicht sein. Und auch das Leben oder die Menschen müssen nicht perfekt sein
Manchmal reicht es völlig aus, wenn etwas stimmig ist, es sich richtig anfühlt oder wenn nichts mehr hinzugefügt werden muss.
Genau dieses Gefühl hatte ich an diesem Nachmittag. Das Bild war fertig!
Und gleichzeitig begann seine Geschichte gerade erst.
Heute trägt es den Titel „Nach dem Regen“, weil das für mich genau dieses Gefühl beschreibt.
Nicht den Sturm, die Unsicherheit, sondern den Moment danach. Der Augenblick, in dem die Wolken langsam aufreißen und in dem das Licht zurückkehrt.
Und dann ist da die leise Ahnung, dass etwas Gutes vor uns liegt.
Übrigens haben Fiona und ich bereits beschlossen, dass dies nicht unser letzter Ausflug in die Welt der fließenden Farben gewesen sein wird. Beim nächsten Mal möchten wir das Ganze draußen im Garten ausprobieren. Da haben wir etwas mehr Platz und ganz sicher genauso viel Freude.
Und mit etwas weniger Sorge um den Teppich.
*Acrylic Painting Medium wird genutzt um Farben zum fließen zu bringen. Oft unter Hinzugabe von Wasser. Die Farben behalten ihre Brillianz, Intensität und Konsistenz. Das bedeutet, sie reißen/bröckeln nicht so, als wenn man sie nur mit Wasser verdünnt. Zum üben funktioniert aber auch das zunächst sehr gut.





