Zwei Aquarelle, zwei ganz unterschiedliche Bilder – und plötzlich erzählen sie doch dieselbe Geschichte.
Eigentlich wollte ich am Wochenende in der Reha einfach nur malen.
Keine großen Gedanken. Kein besonderes Projekt. Einfach mein Aquarellpapier nehmen, Pinsel und Farben dazu und ein bisschen Zeit für mich haben. In der Woche ist der Terminkalender voller Anwendungen, Gespräche und neuer Eindrücke. Am Wochenende wird es ruhiger.
Also habe ich gemalt – Und wie das bei mir inzwischen so ist, kommt es beim Malen manchmal ganz anders als geplant. Ich beginne mit einer Idee und irgendwo zwischen Wasser, Farbe und Pinsel mischt sich plötzlich ein Gedanke ein, mit dem ich überhaupt nicht gerechnet habe.
Diesmal waren es zwei Bilder. Und irgendwie gehören sie zusammen.
Stille Wasser sind tief …
Das erste Bild zeigt Seerosen.
Oben auf dem Wasser schwimmen die Blüten im Licht. Manche liegen ganz offen da, andere verschwinden weiter unten im See. Wenn man genau hinsieht, entdeckt man, dass dort noch mehr ist.
Ich musste sofort an den alten Spruch denken: „Stille Wasser sind tief.“
Früher habe ich diesen Satz eher als Redewendung wahrgenommen. Diesmal bekam er für mich eine andere Bedeutung. Denn ist es bei Menschen nicht ganz ähnlich? Wir sehen einen Menschen und machen uns innerhalb kürzester Zeit ein Bild.
Sie ist fröhlich.
Er ist stark.
Sie wirkt so ruhig.
Der hat sein Leben doch im Griff.
Wir sehen ein Lächeln und denken: Alles gut.
Wir sehen jemanden, der funktioniert, und gehen davon aus, dass es ihm auch gut geht.
Aber was wissen wir eigentlich wirklich? Vielleicht liegt unter dieser sichtbaren Oberfläche eine Geschichte, von der wir nichts ahnen.
Ängste, Traurigkeit, Wut, Erinnerungen, Hoffnung – Vielleicht auch alles gleichzeitig.
Gerade in meinen Malkursen erlebe ich immer wieder, wie schnell sich eine Stimmung verändern kann. Da sitzt jemand, erzählt, lacht, konzentriert sich auf seine Farben. Und plötzlich wird es ganz still. Manchmal kommen Erinnerungen hoch, manchmal Tränen und manchmal wird einfach nur weitergemalt.
Ich glaube, genau das mag ich so an diesen gemeinsamen Stunden: Es muss nicht immer geredet werden. Ab und zu reicht es, gemeinsam am Tisch zu sitzen und etwas entstehen zu lassen. Dann ist eventuell ein Pinselstrich sogar leichter als ein Gespräch.
… und manchmal braucht es einen anderen Blick


Das zweite Bild entstand eigentlich ganz unspektakulär.
Ich hatte wieder mal ein Tutorial von Andrea Nelson Art gesehen und dachte: Das sieht interessant aus, ich probiere das mal.
Mehr war zunächst gar nicht geplant. Aber schon während des Malens merkte ich, dass dieses Bild etwas mit mir macht, denn es hat zwei Ansichten.
Blättert man den Schmetterlingsflügel um, beziehungsweise betrachtet man es aus einer anderen Perspektive, sieht man plötzlich etwas anderes. Und da war sie, die Verbindung zum ersten Bild.
Beim ersten Bild ging es für mich darum, unter die Oberfläche zu schauen. Beim zweiten fiel mir ein wie wichtig es ist, auch mal die Perspektive zu verändern.
Wir betrachten einen Menschen oder Dinge aus einen bestimmten eigenen Blickwinkel und glauben, wir hätten verstanden, wer und wie er/es ist. Dabei sehen wir oft nur die Seite, die uns gerade gezeigt wird. Jemanden, der jetzt grad lacht, aber eigentlich traurig ist. Jemanden, der sehr stark wirkt, aber gerade unglaublich erschöpft ist. Vielleicht braucht jemand, der sich zurückzieht, nicht mehr Abstand, sondern einfach jemanden, der still neben ihm sitzt. Vielleicht ist der Apfel im Regal, der so lecker und saftig aussieht, auf der anderen Seite bereits faulig…
Und oft wissen wir bei einem anderen Menschen überhaupt nicht, welchen Weg er schon hinter sich hat. Hier, während meiner Reha, kann ich genau das beobachten. Und ja, auch bei mir ist es so. „Du bist immer so fröhlich, du wirkst so entspannt…“ sagen einige. Und trotzdem geht es auch mir nicht immer gut.
Ein Mensch ist eben keine Momentaufnahme.
Das habe ich in meinem eigenen Leben immer wieder erfahren.
Ich kenne die Zeiten, in denen man nach außen funktioniert, während es innen ganz anders aussieht. Ich kenne Depression und ich kenne den Moment, in dem eine Krebsdiagnose plötzlich alles verändert und Gedanken aufkommen, die man vorher gar nicht hatte.
Meine Lieben zuhause wissen das nur zu gut.
Dann bin ich erschöpft und könnte den ganzen Tag schlafen oder ich verfalle den Grübeleien und den Fragen nach dem WARUM.
Deshalb berühren mich solche Momente wahrscheinlich besonders. Aber ich möchte diesen Beitrag gar nicht zu einem Text über Krankheit machen.
Denn das, was ich beim Malen diesmal gedacht habe, geht weit darüber hinaus. Es geht um Menschen, um uns alle.
Und dann wäre da noch die Sache mit der Perfektion …
Natürlich könnte ich jetzt sagen, dass ich mit meinen beiden Bildern total zufrieden bin.
Tue ich aber nicht. 😂
Ich sehe natürlich die Stellen, an denen ich denke: „Na ja, Sanne … das kannst du bestimmt auch besser.“ Der eine Pinselstrich könnte schöner sein. Die Farbe könnte an einer Stelle anders aussehen. Irgendetwas ist schon wieder nicht so geworden, wie ich es mir vorgestellt hatte. Und früher hätte mich das wahrscheinlich mehr geärgert.
Heute denke ich oft: Na und? Die Bilder sind in meinem Skizzen- und Übungsbuch entstanden. Dort dürfen sie sein und bleiben, denn genau dafür habe ich dieses Buch angefangen.
Nicht, um darin eine Sammlung perfekter Aquarelle zu haben, sondern um auszuprobieren, Fehler zu machen, Techniken kennenzulernen, festzustellen, dass etwas überhaupt nicht funktioniert und manchmal auch, um ein Bild zu malen, das mich völlig unerwartet auf einen Gedanken bringt.
Das ist für mich inzwischen ein wichtiger Teil des Malens geworden. Ich male nicht nur, um ein schönes Bild zu produzieren, sondern weil während des Malens manchmal etwas in mir in Bewegung kommt. Und das finde ich ehrlich gesagt viel spannender.
Vielleicht sollten wir öfter genauer hinschauen
Wenn ich die beiden Bilder jetzt nebeneinander sehe, finde ich es fast ein bisschen lustig, dass sie überhaupt nicht als gemeinsame Serie geplant waren.
Die Seerosen waren einfach Seerosen. Der Schmetterling eben ein bunter Schmetterling. Und trotzdem erzählen sie für mich inzwischen fast dieselbe Geschichte:
Was sehen wir – und was sehen wir nicht?
Vielleicht lohnt es sich, bei anderen Menschen manchmal etwas genauer hinzuschauen. Nicht neugierig oder mit der Erwartung, unbedingt ein Geheimnis entdecken zu müssen. Sondern einfach mit ein bisschen mehr Verständnis.
Ein Lächeln kann echt sein und trotzdem darf dahinter Traurigkeit liegen. Tränen können kommen und trotzdem kann jemand Hoffnung haben. Stärke und Angst schließen sich nicht aus. Freude und Sorgen können wunderbar nebeneinander existieren.
Wir müssen nicht immer alles verstehen – es reicht oft schon, nicht vorschnell zu urteilen.
Vielleicht gilt das sogar für uns selbst. Denn wir zeigen anderen oft nur einen Ausschnitt von dem, was in uns passiert. Aber wir dürfen unperfekt sein, einen schlechten Tag haben, unsere Meinung ändern, Dinge ausprobieren und feststellen, dass sie noch nicht so funktionieren, wie wir es gerne hätten, und wir dürfen trotzdem weitermachen.
Vielleicht ist das auch die kleine Botschaft, die ich aus meinem Skizzenbuch mitnehme:
Nicht jedes Bild muss perfekt werden, um etwas zu erzählen.
Und morgen? Morgen male ich wahrscheinlich wieder einfach irgendein Bild: Eine Blume, einen Vogel, vielleicht eine kleine Scheuche – es beginnt ja die Herbstzeit.
Mal sehen, welcher Gedanke sich dann ungefragt dazumischt. 😄🎨 Man weiß ja nie, was einem beim Malen so alles über den Weg läuft.



